Ein Hauch von Normalität im Juni

Tobias und die Extrem-Distanzen…

12. Juli 2021 Comments (0) Berichte

Etappen-Sieg im Erzgebirge

Schon zum festen Termin im Kalender des Sebamed Racing Teams geworden sticht die Erzgebirgstour in diesem Jahr noch mal besonders hervor. In Zeiten, in denen Renn-Absagen immer noch häufiger als Veranstaltungen sind, zeigen die Verantwortlichen (und das bezieht die Politik und Gesundheitsämter ausdrücklich ein) im Sachsener Erzgebirgs-Kreis, dass mit passendem Sicherheitskonzept, Verantwortungsübernahme und gesundem Menschenverstand vieles möglich ist.

Aber zur Hauptsache, dem Rennen: die Erzgebirgstour steht von jeher für zwei Dinge – harte Strecken und Top-Besetzung. Das bestätigt sich dieses Jahr beides. Die drei Etappen führen über 229 Kilometer mit 5.200 Höhenmetern! Im Starterfeld finden sich sowohl Topfahrer aus der U23 wie auch dem German Cycling Cup (GCC) und dem Amateur-Lizenz Bereich. Illustre Namen wie Florian Anderle (Vorjahressieger), Christian Kreuchler und Anthony Spysschaert (mehrfache Sieger in GCC Rennen), Hanno Rieping (ehemaliger GCC-Gesamtsieger) und, und, und, die Liste der Topfahrer liest sich wie das Who is Who der deutschen Radrennszene.

Das Sebamed Racing Team steht am Freitag reichlich dezimiert am Start der ersten Etappe. Von ursprünglich 9 gemeldeten Fahrern sind aufgrund privater, gesundheitlicher oder beruflicher Hindernisse am Ende nur 5 angereist: Bastian Scholz, Daniel Höhn, Scott McEwan, Klaus Schmitz und Maxim Kleine.

Und diese Wackeren 5 müssen auch noch mit diversen Widernissen kämpfen. Ganz abgesehen von dem harten Kurs der ersten Etappe (es geht entweder hoch oder runter, 10 Runden mit 1.500 Höhenmetern) regnet es auch noch in Strömen bei 14 Grad. Zu allem Überfluss platzt Scotty direkt vor dem Start der Reifen, Ersatz nicht kurzfristig organisierbar – Aus. Die anderen legen mit dem Startschuss um 18:30 los. Auf dem selektiven Kurs teilt sich das Feld schnell auf. Auch Daniel, unser stärkster Fahrer vor Ort, muss schon im ersten Anstieg ein kleine Gruppe ziehen lassen, bleibt aber auf  „Tuchfühlung“, so dass er in der schnellen Abfahrt wieder aufschließen kann. So geht das für ihn von Runde zu Runde, reißen lassen, wieder ranfahren, reißen lassen, wieder ranfahren. In der vorletzten Abfahrt fährt er an der Führungsgruppe vorbei, um mit etwas Vorsprung Chancen auf eine Top-Platzierung zu wahren, macht so nebenbei Punkte für die Sprintwertung (genau nicht sein Metier 🙂 ). Trotzdem kann er die Bergspezialisten im nächsten Anstieg nicht kontern. Der bärenstarke Florian Anderle setzt sich mit über 1 Minute nach vorne ab, Daniel fährt als Solist wenige Sekunden hinter der Verfolgergruppe als Gesamt-Siebter ins Ziel. Währenddessen haben Maxim und Klaus ebenfalls den Bedingungen erfolgreich getrotzt und fahren auf den Plätzen 55. bzw. 148 ins Ziel. Maxim merkt bereits da, dass er nicht die besten Beine hat, auch wenn sein Resultat in diesem Umfeld etwas anderes sagt. Klaus, der mit gut 90Kg und rund 2,00 Meter Körpergröße eigentlich nicht für dieses Terrain geschaffen ist, fährt ein super Rennen und ist nachher auch sehr zufrieden. Bastian muss aussteigen, da er während der extremen Anstrengungen körperliche Beschwerden bekommt.

Ein gemeinsames Abendessen, eine erholsame Nacht und bestes Radrennwetter am nächsten Tag machen Lust auf mehr, auch wenn die Beine schwer sind. Diese Lust ist auch notwendig, steht an diesem Samstag doch mit 89,5 Km und 2.200 (!) Höhenmetern die Königsetappe der Erzgebirgstour an. Um 14:00 ist diesmal Startschuss. Ganz vorne mischt weiter Daniel mit, der als eigentlicher Rouleur vom Gewicht her höher liegt als die reinen Bergspezialisten, aber durch seine Abfahrtskünste und hohen Wattwerte dagegen halten kann. Die Etappe beendet er als Tagesfünfter mit nur 37 Sekunden zum Sieger. In der Gesamtwertung rückt er dadurch zwei Plätze auf den 5. vor. Scotty fährt lange als zweiter Sebamed Fahrer sogar noch vor Maxim, auf den Klaus folgt. Am Ende muss er jedoch dem Einsatz Tribut zollen, hat auch nicht die besten Beine. So fahren Maxim und auch Klaus zu ihm auf und kommen in kurzer Folge ins Ziel. Bastian hat auch heute wieder keinen guten Tag, diesmal streikt nicht der Körper, sondern das Material. Trotz Plattens während des Rennens kämpft er sich als Fünfter Sebamed Fahrer ins Ziel. Maxim belegt zusammen mit Daniel zum zweiten Mal hintereinander die Teamwertung, die von den zwei besten Fahrern gestellt wird. Seine schlechten Beine vom ersten Tag merkt er gleichwohl auch heute, inzwischen auch ein insgesamtes Unwohlsein. Er hofft allerdings, dass sich das bis zum nächsten Tag bessert.

Die dritte und letzte Etappe findet traditionell auf dem geschichtsträchtigen Sachsenring statt. Eigentlich eine Motor-Rennstrecke geben an diesem Sonntag die umweltfreundlichen Radfahrer hier die Geschwindigkeit vor. Maxim ist, wie sich schon abzeichnete, wegen Krankheit nicht mehr angetreten. Die Fahrer teilen sich heute auf zwei Rennen, das der Top 100 Platzierten und das der anderen. Dort starten Bastian, Klaus und Scotty um 9:00. Es geht um 20 Runden, insgesamt 74 Kilometer mit schon wieder 1.500 Höhenmeter. Der Sachsenring ist nämlich alles andere als flach, ganz im Gegenteil, er fordert den StarterInnen noch mal alles ab. Trotzdem ist das heute eher Klaus´ Terrain, hier wird schnell gefahren, und für die im Verhältnis kurzen Anstiege sind seine absoluten Watt genau richtig, da sind die körperlichen „Nachteile“ Gewicht und Größe nachrangig. Entsprechend bleibt er auch bis zum Ziel in der Spitzengruppe und ist heute der, der zur Teamwertung beiträgt. Scotty platzt der Motor im Rennen, auch ihn hat die Anstrengung des gestrigen Tages gezeichnet, er verliert das Hauptfeld, beendet das Rennen mit einigem Abstand aber trotzdem zufrieden: „mehr war nicht drin, war ein gutes Training“. Bastian muss auch heute aussteigen, die Anstrengung des Vortages fordert Tribut.

Das Highlight des Tages und der bisherigen Saison setzt aber Daniel: er startet im Rennen der Top Hundert. Möglichkeiten, seinen sehr guten Gesamtrang zu verbessern, hat er eigentlich keine. Der Abstand zum vor ihm liegenden Anthony Spysschaert vom Team Deutsche Kinderkrebshilfe ist zwar mit gut 40 Sekunden nicht so groß, selbst auf das Podium scheint 1 Minute noch machbar, aber heute ist eine Sprintankunft zu erwarten, wie in allen Vorjahren auch. Noch kein Fahrer ist bei diesem Rennen auf dem Sachsenring alleine dem Feld weggefahren. Mit Startschuss positioniert sich Daniel weit vorne, die erste Zieldurchfahrt absolviert er auf Position 8. Das Rennen wird live gestreamt (ein weiteres Highlight dieser absoluten Spitzenveranstaltung), so dass die Zuschauer bereits bei der zweiten (von 20!) Zieldurchfahrt sehen, wie Daniel mit zwei Begleitern in seinem Windschatten einen kleinen Vorsprung vor dem Feld hat. Ein so früher Angriff scheint kaum Chancen zu haben, oder der Initiator (das war Daniel, wer sonst) hat großes Vertrauen in seine Reserven. „Ich hatte ja viel aufzuholen, da dachte ich, besser früh anfangen“ meint Daniel nachher. Hier erweisen sich die beiden Begleiter allerdings nicht zur Unterstützung bereit oder fähig, so dass Daniel diesen Versuch schnell aufgibt. In der 10. Runde, also bei Halbzeit, wartet dann eine Bergwertung auf das wie erwartet geschlossene Fahrerfeld. „Als die da gesprintet sind, bin ich einfach mal mitgefahren, um zu schauen, was passiert“ so Daniel. Die Aspiranten auf die Bergpunkte nehmen nach der Punktevergabe raus, Daniel findet sich deshalb plötzlich mit Anthony Spysschaert in der Führung mit einer kleinen Lücke zum Feld. Fast gleichzeitig fängt es an, bis dahin trocken, wie aus Eimern zu schütten. Das spielt den Ausreißern in die Karten, also gibt Daniel richtig Gas. Nach Durchfahren einer abschüssigen S-Kurve will der Sebamed Fahrer die Führung an seinen Begleiter abgeben, nur, der ist nicht mehr da. Scheinbar haben Daniels Abfahrtskünste ihn um seine Unterstützung gebracht. Also alleine weiter. Es gießt nach wie vor. Beim nächsten Überqueren von Start/Ziel hat der Ausreißer bereits knapp 15 Sekunden auf seinen ehemaligen Fluchtgefährte, weitere rund 15 Sekunden auf das Feld. Die Moderatoren des Live-Streams verfallen von anfänglicher Ungläubigkeit zunehmend in Euphorie, während Daniel seinen Vorsprung Runde für Runde ausbaut, bis er in Runde 17 mit 1:11 Minuten sogar auf dem virtuellen Podium ist. Nur noch 3 Runden zu fahren. Nun wachen auch hinten die Mannschaften der Führenden langsam auf, der Regen hat aufgehört, es beginnt eine unerbittliche Aufholjagd. Obwohl Daniels Rundenzeiten konstant sind, keinen Kräfteverschleiß erkennen lassen,  verliert er durch die Zusammenarbeit der Verfolger nun Runde für Runde Zeit. Runde 18, noch 60 Sekunden, Runde 19, noch 53 Sekunden, Runde 20, noch 34 Sekunden, so langsam wird es allen klar – das kann reichen. Und es reicht: während hinter ihm die Verfolger bereits zu sehen sind, rettet Daniel 8 Sekunden zu einem in großer Manier heraus gefahrenen Tagessieg ins Ziel. Dass er quasi nebenbei auch noch AK 3. und 3. im Kampf um das grüne Trikot des Sprintbesten wird, ist da fast nebensächlich 🙂 .

An dieser Stelle noch mal einen Dank für diese Spitzenveranstaltung an die Organisatoren, allen voran Markus Illmann, das Herz des Rennens, das jeder solche Event braucht. In Sachen Professionalität (bei gleichzeitiger Familiarität und Sportlernähe), Streckenauswahl, Kommunikation werden hier Maßstäbe gesetzt.

 

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